Gender Investment Gap: Wenn Moral den Vermögensaufbau bremst

Viele Frauen zögern, ihr Geld an der Börse zu investieren. Nicht nur, weil ihnen Wissen oder Geld fehlt. Manche lehnen die Börse aus moralischen Gründen ab. Wer deshalb nicht investiert, lässt Chancen beim Vermögensaufbau ungenutzt. Gerade für Frauen kann das teuer werden.

Von Helga Beachler

Wenn ich ausserhalb meiner Finanz-Bubble mit Frauen über das Investieren spreche, höre ich oft: «Es ist unmoralisch, mit Aktien Geld zu verdienen.»

Man kann zum Beispiel die Geschäftspraktiken von Nestlé kritisieren und sich gegen die Aktie entscheiden. Gleichzeitig beschäftigt der Konzern in der Schweiz Tausende Menschen, zahlt Löhne und Steuern und arbeitet mit Zulieferern zusammen. Wirtschaft, Staat und Gesellschaft sind eng miteinander verbunden.

Und wie konsequent sind wir wirklich? Wir nutzen Smartphones, fahren Auto, fliegen in die Ferien und kaufen Produkte globaler Konzerne. Im Alltag akzeptieren wir diese Widersprüche. Warum sind wir ausgerechnet beim Investieren moralisch so streng?

Wir können Firmen meiden und Nachhaltigkeitskriterien berücksichtigen. Oder wir können mit Kapitalerträgen Gutes tun: Dividenden spenden, lokale Firmen unterstützen oder uns mehr Zeit für Familie und Freiwilligenarbeit leisten.

Wir alle investieren längst. Ende 2024 verwalteten die Schweizer Pensionskassen ca. CHF 1,22 Billionen. Davon waren 31,6% in Aktien investiert. Vermögenserträge gelten in der beruflichen Vorsorge als «dritter Beitragszahler» neben Arbeitgebern und Arbeitnehmern.

Auch die Reserven von AHV, IV und EO legt compenswiss an den Kapitalmärkten an. Kapital arbeitet also längst für unsere Altersvorsorge. Warum sollte es unmoralisch sein, wenn wir auch privat davon profitieren?

2024 arbeiteten 58,4% der erwerbstätigen Frauen in der Schweiz Teilzeit. Teilzeitarbeit, Erwerbsunterbrüche und tiefere Einkommen können die Altersvorsorge schmälern. Umso wichtiger ist es, bestehende Vermögensunterschiede zwischen Frauen und Männern nicht zusätzlich durch einen Verzicht aufs Investieren zu verstärken.

Wer jahrzehntelang nicht investiert, lässt Renditechancen ungenutzt. Der MSCI World erzielte in den vergangenen 20 Jahren inklusive reinvestierter Dividenden durchschnittlich rund 8% Rendite pro Jahr.

Rendite ist nicht automatisch unmoralisch. Ist es nicht widersprüchlich, im Alltag Produkte globaler Konzerne zu kaufen, aus moralischen Gründen aber nicht an deren wirtschaftlichem Erfolg teilhaben zu wollen? Vielleicht sollten wir weniger darüber diskutieren, ob es moralisch ist, mit Kapital Geld zu verdienen, und häufiger darüber, was wir mit diesem Vermögen bewirken können. Denn privater Vermögensaufbau an der Börse kann ein wichtiger Baustein unserer Altersvorsorge sein.

Quellen: Bundesamt für Statistik (BFS), Pensionskassenstatistik 2024; Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV), Schweizerische Sozialversicherungsstatistik; BFS, Teilzeiterwerbstätigkeit in der Schweiz.